Qualität von Flächen des Fußverkehrs bei Freigabe für den Radverkehr
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Abstract
Der Rad- und Fußverkehrsanteil am Verkehrsaufkommen steigt in vielen Städten kontinu
ierlich an. Durch die begrenzte Flächenverfügbarkeit entstehen dadurch neue Konkur
renzsituationen. Es wirft grundlegende Fragen zur Gestaltung und Regelung gemeinsam
genutzter Verkehrsflächen auf. Das Forschungsprojekt „Qualität von Flächen des Fußver
kehrs bei Freigabe für den Radverkehr“ widmete sich der Fragestellung, unter welchen Be
dingungen das Zulassen von Radverkehr auf ursprünglich für den Fußverkehr vorgesehe
nen Flächen erlaubt werden könnte, projektbezogen fokussiert auf die Freigabe von Geh
wegen für den Radverkehr mit Zeichen 239 StVO „Sonderweg Fußgänger“ und Zusatzzei
chen 1022-10 StVO „Radfahrer frei“.
Die Untersuchungen basierten auf einem methodisch triangulierten Ansatz: (1) einer Feld
studie mit Verkehrsbeobachtungen und -befragungen an acht linien- und flächenhaften
Standorten (projekteigene Definition) in Berlin, Oranienburg und Hannover (Datengrund
lage: 64 h Videoaufzeichnungen, N=244 befragte Fußgänger:innen), (2) einer Virtual-Rea
lity-Studie (Datengrundlage: N=32 Proband:innen) sowie (3) einem Workshop mit blinden
und sehbehinderten Menschen (Datengrundlage: N=4 Teilnehmer:innen).
Die Ergebnisse der Feldstudie zeigen u. a., dass die untersuchten flächenhaften Gehwege
(Breiten zwischen 5 m und 24 m) im Vergleich zu den linienhaften Gehwegen (Breiten zwi
schen 1,9 m und 4,5 m) überwiegend zu geringeren, u. a. auf m² normierten, Konfliktraten
führten. Sie wurden von Fußgänger:innen als subjektiv sicherer und komfortabler bewer
tet. Die Analyse von Verkehrsaufkommen und Konflikten zeigte die Tendenz, dass das Fuß-
als auch das Radverkehrsaufkommen mit der Anzahl der jeweiligen Konflikte korrelieren:
Je mehr Menschen zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, desto häufiger kommt es zu
Konflikten. In der VR-Studie verbesserten eine geringe Verkehrsdichte und niedrigere Rad
fahrgeschwindigkeiten (10 km/h) signifikant die subjektive Sicherheit, während hohe Ver
kehrsdichten und hohe Geschwindigkeiten (25 km/h) diese reduzierten. Insgesamt steiger
ten breite Gehwege und geringe Verkehrsdichten die Verträglichkeit und Akzeptanz.
Auf Basis der Gesamtschau der Studienergebnisse wurde eine Reihe von Handlungsemp
fehlungen abgeleitet. Linienhafte Gehwege mit einer Breite bis 3 m sollten i.d.R. im Be
reich der in dieser Studie untersuchten Belastungsklassen (Fuß- und Radverkehrsaufkom
men) nicht für den Radverkehr freigegeben werden. Bei linienhaften Gehwegen von 3 m
bis 5 m sind immer noch viele Konflikte zu erwarten, eine Freigabe für den Radverkehr
kann aber erwogen werden, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen. Größere
Plätze und Gehwege (flächenhafte Standorte) mit einer Breite von 5 m oder größer kön
nen für den Radverkehr freigegeben werden, wenn keine Alternativen zur Verfügung ste
hen. Da die schmaleren Anlagen der flächenhaften Gehwege deutlich größere Konfliktra
ten- und dichten aufwiesen, sind eher Breiten größer als 7 m bis 8 m anzustreben und we
nig zu zonieren, um nicht den Eindruck einer Radverkehrsanlage zu geben.
Insgesamt zeigte sich jedoch, dass eine Freigabe von Gehwegen für den Radverkehr grund
sätzlich vermieden werden sollte. Die Qualität solcher gemeinsamer Verkehrsflächen ist
aus Perspektive der Fußgänger:innen als überwiegend schlecht zu bewerten. Dort, wo dies
nicht möglich ist, muss durch Aufklärung und Kontrolle die Regelkenntnis und -akzeptanz
des „Gastverkehrs“ erhöht werden, um ein verträgliches Miteinander zu gestalten. Die
Studien liefern eine empirische Grundlage und Hinweise für die praxisnahe Beurteilung
der Freigabe von Gehwegen für den Radverkehr.
The proportion of pedestrian and bicycle traffic within urban transportation systems is
steadily increasing in many cities. Due to limited spatial resources, this development leads
to new competitive situations. This raises fundamental questions concerning the design
and regulation of shared traffic spaces.
The research project “Quality of pedestrian facilities when cycling permitted” investigated
the conditions under which the use of pedestrian-designated infrastructure by cyclists
might be considered acceptable, project-related focus on the opening of sidewalks for
bicycle traffic with sign 239 (StVO) “Special pedestrian path” and additional sign 1022-10
(StVO) “Cyclists allowed”.
The study employed a methodologically triangulated approach comprising: (1) a field
study involving traffic observations and surveys at eight linear and areal locations (as
defined by the project) in Berlin, Oranienburg, and Hanover (data basis: 64 hours of video
footage; N=244 pedestrian respondents); (2) a virtual reality study (N=32 participants);
and (3) a workshop with blind and visually impaired individuals (N=4 participants).
The field study results indicated, among other findings, that wide, areal pedestrian paths,
examined in the project (widths between 5 m and 24 m) generally led to lower normalized
conflict rates (per m²) compared to linear paths (widths between 1.9 m and 4.5 m). Areal
walkways were also perceived by pedestrians as safer and more comfortable. The analysis
revealed that conflict frequency correlated positively with both pedestrian and bicycle
traffic volumes: the greater the number of users, the higher the rate of conflict. In the vir
tual reality study, lower traffic density and reduced cycling speeds (10 km/h) significantly
improved subjective perceptions of safety, while high densities and speeds (25 km/h) di
minished them. In general, wider walkways and lower traffic volumes increased perceived
compatibility and public acceptance.
Based on the synthesis of all study findings, a series of practical recommendations were
developed. Narrow linear walkways (up to 3 m in width) should generally not be released
for bicycle use under the traffic load conditions examined in this study. For linear paths
measuring 3-5 m in width, considerable conflict potential remains; however, if no alterna
tives exist, conditional release may be considered. Larger areal pedestrian zones (5 m wide
or more) may be suitable for shared use when no alternatives are available. However, nar
rower areal walkways exhibited significantly higher conflict rates and densities. Thus,
widths exceeding 7-8 m are preferable, and spatial zoning should be minimized to avoid
creating the impression of a dedicated cycling facility.
Nevertheless, the study concludes that allowing bicycle traffic on pedestrian paths should
generally be avoided. From the pedestrian perspective, the quality of such shared-use
spaces is predominantly rated as poor. In scenarios where shared use is unavoidable, in
creased education and enforcement efforts are necessary to raise awareness and compli
ance among cyclists as “guest users” to ensure mutual respect and safer coexistence. The
study provides an empirical foundation and practical guidance for assessing the permissi
bility of bicycle traffic on pedestrian infrastructure.
