Analyse der Standortfaktoren für die Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit der baden-württembergischen Automobilindustrie
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Abstract
Baden-Württemberg verfügt über ein außergewöhnlich dichtes Automobil-Ökosystem: Große Hersteller, eine breite Zuliefererbasis, spezialisierte Engineering-Dienstleister und
Forschungseinrichtungen arbeiten eng verzahnt. Im Jahr 2024 erwirtschafteten Hersteller- und Zuliefererbetriebe der Automobilindustrie ein Umsatzvolumen von rund 140 Mrd. €
und beschäftigten etwa 215.000 Personen in Baden-Württemberg. Mit einer Forschungsintensität von 5,7 % des BIP gehört das Land international zur Spitzengruppe automobiler Standorte.
Dennoch steht Baden-Württemberg vor großen Herausforderungen. Die globale Wirtschaftslage belastet die Nachfrage. Protektionistische Tendenzen, unterbrochene Lieferketten,
volatile Energiepreise und geopolitische Konflikte erschweren die Planungssicherheit, während der Hochlohnstandort mit Ländern konkurriert, in denen Arbeits- und Energiekosten
niedriger sind. Zusätzlich erfordern Elektromobilität und Digitalisierung erhebliche Investitionen und verändern die Wertschöpfungsketten.
Gleichzeitig schwächen u. a. bürokratische Pflichten die Wettbewerbsfähigkeit. Unternehmen verwenden im Durchschnitt 32 Arbeitsstunden pro Monat für externe Nachweise.
Langwierige Genehmigungsverfahren und eine fragmentierte Förderlandschaft erhöhen den Transaktionsaufwand. Das Ergebnis ist ein messbarer Produktivitätsverlust, der daraus
resultiert, dass zu viel Arbeitszeit in wenig wertschöpfende Prozesse fließt. Neben dem unmittelbaren Produktivitätsrückgang führen die hohen Bürokratieaufwände zudem
zu einem Motivationsverlust bei den Beschäftigten, der indirekt ebenfalls die Arbeitsproduktivität mindert. Hinzu kommen im internationalen Vergleich hohe Arbeits- und
Energiekosten.
Die Ergebnisse einer Unternehmensbefragung unter 74 Unternehmen spiegeln diese Lage deutlich wider: 73 % der befragten Unternehmen nennen Nachfragerückgänge, 68 % Kostenstei-
gerungen, 43 % regulatorische Einschränkungen und 36 % den Fachkräftemangel als wichtigstes Hemmnis. Entsprechend dominieren defensive Reaktionen: 61 % der Unternehmen verschieben Investitionen, 34 % greifen zu Personalmaßnahmen wie Kurzarbeit oder Kündigungen. Zugleich bündeln einzelne Unternehmen FuE-Aktivitäten und gehen Kooperationen ein, um die Krise als Reallokationsfenster zu nutzen.
Daraus ergeben sich vier prioritäre Handlungsfelder. Erstens entfaltet Bürokratieabbau den größten unmittelbaren Hebel für Produktivität und Motivation: mehr Verlässlichkeit und
Genehmigungsfiktion bei Fristen, echte „Once only“-Prinzipien über einheitliche digitale Schnittstellen, drastische Reduktion regulatorischer Nachweispflichten sowie innerbe-
triebliche Entlastungen (Regelprüfungen, Prozessautomatisierung). Zweitens adressiert die Entlastung der Lohnnebenkosten den strukturellen Kostennachteil: kurzfristig über
systematische Nutzung steuer-/abgabenbegünstigter Vergütungsbausteine, mittelfristig über Effizienzgewinne in den Sozialversicherungen und verlässliche Beitragspfadplanung.
Drittens braucht die Innovations- und Förderarchitektur eine Neuordnung: weniger Programme, klare Zuständigkeiten, geringere Antrags- und Berichtslasten, passgenaue KMU-Zu-
gänge und mehr Raum für explorative Vorhaben, flankiert von Investitionen in Energie- und Digitalinfrastruktur für Preis- und Planungssicherheit. Viertens stärkt externe Resilienz die
Handlungsfähigkeit: Diversifizierung der Absatzmärkte, Vorbereitung von „Local for local“ bzw. eines Wechsels der Handels- und Industriepolitik bei Zöllen sowie Erschließung stra-
tegischer Rohstoffpartnerschaften und Recyclingpfade.
Das industrielle Potenzial Baden-Württembergs ist vorhanden, kann sich aber wegen administrativer Aufwände und Kostenstrukturen nicht voll entfalten. Durch kurzfristige
Prozess- und Bürokratieverschlankung sowie mittelfristige Neuordnung von Kosten- und Innovationsstrukturen gelingt es, Produktivitätsreserven nutzbar zu machen und Investi-
tionen wirken zu lassen.
