Innovationssystem Deutschland – Zivile und militärische Innovationen verzahnen

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acatech STUDIE

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Hannover : Technische Informationsbibliothek

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Die vorliegende acatech STUDIE analysiert die Rolle des deutschen Innovationssystems im Kontext der sicherheits- und geopolitischen Zeitenwende und untersucht, wie zivile, mili tärische und Dual-Use-fähige Innovationspotenziale künftig besser genutzt werden können, ohne zentrale Prinzipien wie Wissenschaftsfreiheit, internationale Kooperation und offene Innovations- prozesse zu kompromittieren. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Deutschland über ein leistungsfähiges, international vernetztes Innovationssystem verfügt, dessen Beiträge zur sicher- heitsrelevanten Forschung bislang kaum systematisch erschlossen wurden. Zentrale Befunde zeigen, dass sicherheitsrelevante Innovationsaktivitäten in Deutschland strukturell vom übrigen Innovationssystem entkoppelt sind. Während zivile Forschung, Innovations- förderung und private Investitionen breit aufgestellt sind, konzentrieren sich militärisch orientierte Innovationsprozesse auf wenige spezialisierte Akteure und institutionelle Pfade. Diese Trennung führt insbesondere dazu, dass Synergiepotenziale in Technologiefeldern mit Mehrfachverwendungsfähigkeit – etwa in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI), Raumfahrt, autonome Systeme, Sensorik oder Cybersicherheit – nicht hinreichend genutzt werden. Gleichzeitig erhöht sie das Risiko, dass sicherheitsrelevante Erkenntnisse aus dem zivilen Forschungsraum un- koordiniert oder unbeabsichtigt in sicherheitskritische Kontexte abfließen. Die Analyse der Forschungsförderung offenbart, dass das hierzulande bestehende Ressortprinzip zwar eine klare Verantwortungszuweisung ermöglicht, ressortübergreifende Förderansätze für sicherheitsrelevante und Dual-Use-fähige Forschung aber zugleich erschwert. Eine systematische Verzahnung von ziviler und militärischer Forschungsförderung findet kaum statt, obwohl auf europäischer Ebene mit dem Europäischen Verteidigungsfonds (EVF), dem European Union Defence Industry Reinforcement Through Common Procurement Act (EDIRPA) und der Perspektive eines eigenständigen Rahmenprogramms für Forschung und Innovation (Framework Programme 10 – FP10) erste Schritte zu einer stärkeren Integration von Forschung, Innovation und indus- trieller Wettbewerbsfähigkeit unternommen werden. Im Bereich der Beschaffung identifiziert die acatech STUDIE strukturelle Spannungen zwischen Beschleunigungszielen und Innovationsfähigkeit. Die Fokussierung auf marktverfügbare Lösungen und formalisierte Abnahmeprozesse begünstigt etablierte Anbieter, erschwert jedoch den Markteintritt innovativer Akteure aus dem zivilen Innovationssystem. Insbesondere für Start-ups sowie kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) stellen späte Testmöglichkeiten, hohe Compliance-Anforderungen und fehlende Anschlusslogiken bei Forschung, Erprobung und Beschaffung erhebliche Hürden dar. Instrumente wie die vorkommerzielle Auftragsvergabe, der Marktdialog und innovationsnahe Schnittstellenformate werden gleichwohl nicht in ausreichendem Maße genutzt, um die bislang mangelhafte Einbindung solcher Innovationsakteure wettzumachen. Die Untersuchung der Investitionsbedingungen verdeutlicht zudem, dass sich zwar eine wachsende Offenheit des Kapitalmarkts gegenüber Defense- und Dual-Use-Technologien abzeichnet, Deutschland im internationalen Vergleich jedoch weiterhin strukturelle Nachteile aufweist – insbesondere bei der spätphasigen Finanzierung. Regulatorische Unsicherheiten, Aus- schlussmechanismen im Sinne spezifischer Umwelt-, Sozial- und Führungskriterien (Environmental, Social, Governance – ESG) sowie fehlende staatliche Ankerinvestitionen wirken dämpfend auf die private Kapitalmobilisierung. Europäische Initiativen und Anpassungen, etwa durch die Europäische Investitionsbank (EIB) oder neue Leitlinien der Europäischen Wertpapier- und Marktauf sichtsbehörde (European Securities and Markets Authority – ESMA), markieren Fortschritte, entfalten ihre Wirkung jedoch bis lang nur begrenzt. Die abschließende Erörterung der Forschungssicherheit zeigt darüber hinaus, dass die notwendige Balance zwischen Offenheit und Sicherheit eine der zentralen Herausforderungen für die stär- kere Verzahnung ziviler und militärischer Forschung darstellt. Bestehende Instrumente wie Exportkontrollen, Ethikkommissionen und institutionelle Beratungsstellen leisten hierbei einen wichti- gen Beitrag, reichen jedoch nicht aus, um insbesondere im Graubereich zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung Orientierung zu geben. Mangelnde Klarheit über angemessene Sicherheitsniveaus, hohe bürokratische Anforderungen und fehlende sichere Forschungs- und Testinfrastrukturen verstärken die ohnehin bestehende Zurückhaltung und Skepsis im Wissen schaftssystem. Die vorliegende acatech STUDIE legt dar, dass eine stärkere Verzahnung ziviler und militärischer Innovationen in Deutschland vor allem strukturelle, institutionelle und Governance-bezogene Fragen aufwirft. Sie ordnet zentrale Spannungsfelder und Synergiepotenziale ein und schafft damit die analytische Grundlage für einen informierten gesellschaftlichen und wirtschafts- politischen Diskurs zur Weiterentwicklung des deutschen Innovationssystems.

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