Verbundprojekt innoCErt: Erweiterte Zertifizierung von Einweg- und Mehrweg-Verpackungen als Anreiz- und Steuerungsinstrument für die Schaffung von Innovationen zur Reduzierung von Kunststoffverpackungen entlang der Lebensmittelkette - Teilprojekt C
Abschlussbericht DIN CERTCO
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Das Forschungsprojekt innoCErt, gefördert durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, verfolgte von 2022 bis 2025 das Ziel, eine erweiterte Zertifizierung für kreislaufwirtschaftsfähige Lebensmittelverpackungen zu entwickeln und damit Anreize für Innovationen zur Abfallvermeidung zu schaffen. Hintergrund waren steigende Verpackungsmengen, insbesondere durch Kunststoffverpackungen im Lebensmittelbereich. Während Einwegverpackungen weiterhin dominieren, bleiben Mehrwegsysteme hinter politischen Zielsetzungen zurück. Zugleich verlangt die europäische Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) künftig robuste Nachweise zur tatsächlichen Rezyklierbarkeit und verbindliche Ziele zur Abfallvermeidung, Wiederverwendung und Materialreduktion. Vor diesem Kontext wurden bestehende, technisch fokussierte Bewertungsansätze um ökologische, ökonomische und nutzer:innenbezogene Kriterien ergänzt und ein umfassender Kriterienkatalog entwickelt, der die Basis für neue Zertifizierungsprogramme bildet. Das Projekt wurde gemeinsam vom Fachgebiet Kreislaufwirtschaft und Recyclingtechnologie, dem Zentrum Technik und Gesellschaft (beide TU Berlin), dem Wuppertal Institut, DIN CERTCO und Landbell Consulting umgesetzt.
Zentrales Ergebnis des Projektes ist ein Kriterienkatalog zur Bewertung der Kreislaufwirtschaftsfähigkeit von Einweg- und Mehrwegverpackungen. Der Katalog umfasst 23 Haupt- und 107 Unterkriterien in den Themenfeldern Infrastruktur und System, Produktdesign, End-of-Life und Umweltwirkung. Diese wurden auf Basis von Literaturanalysen, Interviews, Versuchen und Workshops mit Stakeholdern sowie ein kontinuierlicher Abgleich mit den PPWR-Entwicklungen und den begleitenden Veröffentlichungen des Joint Research Centers (JRC). Da nicht alle relevanten Aspekte als Bewertungskriterien abgeleitet werden konnten und in den Kriterienkatalog eingegangen sind, entstanden ergänzend zwei Leitfäden zu kreislaufwirtschaftsfähigen Lebensmittelverpackungen. In Teil I werden relevante Aspekte für Mehrwegverpackungen und -systeme genauer beleuchtet und in Teil II für Einwegverpackungen.
Zum besseren Verständnis der Anforderungen und Herausforderungen aus Nutzungs- und Entsorgungsperspektive wurden drei Reallabore durchgeführt. Die HomeLabs zeigten, dass Konsumentscheidungen stark alltagsgeprägt sind und Mehrwegsysteme trotz grundsätzlicher Zustimmung nur selten genutzt werden. Die GastroLabs verdeutlichten betrieblich Hürden kleiner Gastronomien, während die PublicSpaceLabs Littering-Hotspots sowie soziale und infrastrukturelle Ursachen für Abfall im öffentlichen Raum identifizierten. Die Ergebnisse unterstreichen die enge Verflechtung von Verpackungsdesign, Nutzer:innenverhalten und Infrastrukturen und wurden in drei Berichten veröffentlicht.
Parallel erfolgten Sortier- und Recyclingversuche zu PET-Schalen und Getränkekartons. Diese zeigen, dass PET-Schalen derzeit aufgrund komplexer Materialkombinationen und fehlender Infrastruktur kaum hochwertig verwertet werden, jedoch potenziell recycelbar sind. Für Getränkekartons ist die Rückgewinnung der Fasern etabliert, während die PolyAl-Fraktion weiterhin nur begrenzt hochwertig recycelt werden kann. Um eine thermische Verwertung der PolyAl-Fraktion von Getränkekartons zu vermeiden, wurden daher auch erfolgreiche Versuche durchgeführt, diese Lebensmittelverpackungen nahezu 100% werkstofflich in Bauplatten zu recyceln. Die Ergebnisse sind in zwei Fallstudien aufbereitet und unterstreichen die Notwendigkeit verbesserter Design-for-Recycling-Ansätze sowie ökonomischer und regulatorischer Rahmenbedingungen.
Auch das Thema Littering wurde durch eigene Datenerhebung vertieft untersucht. Die Ergebnisse bilden eine erste Basis für ein neues Bewertungskriterium "Litteringwahrscheinlichkeit", dessen zugrundeliegende Literaturrecherche in der Fachzeitschrift Müll und Abfall (Ausgabe 11/2025) veröffentlicht wurde.
Zur Umsetzung der Kriterien in Zertifizierungsprogramme wurde ein Zertifizierungsausschuss gegründet. Auf Basis des Kriterienkatalogs wurde zunächst jeweils ein Programm für Mehrwegverpackungen und -systeme entwickelt. Grundlage für die Zertifizierungsprogramme bildet die DIN SPEC 91510, ergänzt um weitere Kriterien zu Systemfähigkeit, Rückgabe, Schulung, Rücklaufquoten und Handhabbarkeit. Produkt und System werden getrennt zertifiziert, sind aber miteinander verknüpft. Aufgrund der ausstehenden PPWR-Konkretisierung für Einweg zunächst eine Guideline erstellt wurde.
Im Rahmen eines Politikdialogs wurden Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eingebunden, um Handlungsspielräume zu identifizieren und politische Empfehlungen zu entwickeln. Die Experteninterviews zeigen die Einschätzung, dass Zertifizierungen nur in Kombination mit konsistenter Regulierung, Investitionen in Infrastruktur und innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen wirken können. Die PPWR setzt hierfür wichtige Impulse, verlangt jedoch klare, umsetzbare Kriterien und harmonisierte Standards. Die Ergebnisse des Projekts können hierfür als Referenz für die Entwicklung der noch ausstehenden "delegierten Rechtsakte" dienen.
Insgesamt zeigen die Projektergebnisse, dass eine wirkungsvolle Kreislaufwirtschaftsfähigkeit durch ein Zusammenspiel aus Infrastruktur, Produktdesign, Nutzer*innenverhalten, wirkungsvollen EoL-Strategien, politischen Rahmenbedingungen und wirtschaftlicher Machbarkeit erreicht werden kann. Der entwickelte Kriterienkatalog bietet einen wissenschaftlich fundierten Orientierungsrahmen, der Hersteller, Handel, Zertifizierungsstellen und Politik bei der Entwicklung kreislaufwirtschaftsfähiger Verpackungen und den zugehörigen Strukturen unterstützt und für den weiteren Dialog zur Implementierung der PPWR genutzt werden Mit Blick auf regulatorische und technologische Entwicklungen muss der Katalog als "Living Document" weitergeführt werden. Zukünftige Arbeiten sollten belastbare Datenerhebungen, Weiterentwicklung von Bewertungsmethoden, Harmonisierung von Zertifizierungen und die Skalierung praxistauglicher Mehrwegsysteme fokussieren. Nur wenn Bewertung und Zertifizierung nicht nur kontrollieren, sondern aktiv Innovationen auslösen, kann eine echte Verpackungswende gelingen.
