Stressresilienz durch Exposition in der simulierten Vorsichtung (STRESS); Teilvorhaben: Realszenario mit Studiendurchführung, rettungsmedizinscher Expertise für Projektexzellenz
Sachbericht zum Verwendungsnachweis des BwkrhsULM
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Abstract
Ziel des Forschungsvorhabens „Stressresilienz durch Exposition in der simulierten Vorsichtung (STRESS)“ war es, die Effekte eines virtuellen Trainingsprogramms auf die medizinische Qualität der erfolgten Triage unter Realbedingungen zu untersuchen. Im Rahmen einer durchgeführten MANV (Massenanfall von Verletzten)-Übung wurden Probanden mit und ohne vorheriger Exposition gegenüber dem virtuellen STRESS-Demonstrator bewertet und miteinander verglichen. Das medizinische Konzept von STRESS zielte darauf ab, die Zielgruppe in einem realistischen Szenario in ihrer Fähigkeit zur Triage zu schulen und dabei Strategien zur Untersuchung und Erfahrungen mit dem Triagealgorithmus zu gewinnen. Die Anforderung an Einsatzkräfte bei einem MANV sind durch die verschiedenen Stressoren (hohe Anzahl an Patienten, Zeitdruck, ggf. eigene Gefährdungslage, mangelnde Kontrolle und Vorhersagbarkeit der Ereignisse, moralische Konflikte, etc.) massiv und komplex. Eine fehlerhafte Triage kann zu falscher Priorisierung der Behandlungsreihenfolge und damit zum Schaden für Patienten führen.
Durch Ausbildung mittels Realübungen und Serious Games müssen eine sichere Handhabung der Triagealgorithmen, funktionale Strategien zur Stressorenbewältigung und damit einher- gehend eine verbesserte medizinische Handlungssicherheit trainiert werden. Als Arbeitshypothese galt, dass NutzerInnen des STRESS-Demonstrators bei einem physischen Training (Großübung) bessere Leistungen im Bereich der korrekten Vorsichtung (Ersttriage) aufweisen als die Vergleichsgruppe ohne virtuelles STRESS-Training. Zur Evaluation wurde dazu mit zwei Spielentwicklern ein computerbasiertes Simulationsspiel entwickelt. Es simuliert ein MANV-Szenario nach einem asymmetrischen Angriff (Fahrzeug-Attacke in urbanem Umfeld), in dem die Ersteintreffenden die Vorsichtung bzw. Ersttriage übernehmen müssen. Dazu wurden in einer kontrollierten Studie 72 Angehörige von Rettungsdiensten, des Sanitätsdienstes der Bundes- wehr, des THW und der Feuerwehr (Alter: 24 ± 9 Jahre, 21 % weiblich) randomisiert einer Interventionsgruppe (n = 34, acht 30-minütige STRESS-Trainingssitzungen über 2-3 Wochen) oder einer Kontrollgruppe (n = 38, kein Spieltraining) zugeteilt. Die Überprüfung der Trainingserfolge erfolgte in einer realitätsnahen MANV-Großübung (10 Minuten, geschulte Notfallmimen mit standardisierten Verletzungsmustern), wobei Triage Geschwindigkeit und -Genauigkeit systematisch erfasst wurden. Darüber hinaus wurden Unterschiede im Stress- und Kompetenzerleben erhoben. Den Teilnehmenden wurde unmittelbar vor Übungsbeginn ein ihnen bekannter Triagealgorithmus zugelost (TST, bay-mSTART, tacSTART, PRIOR).
Im Ergebnis zeigte die Interventionsgruppe schnellere Triage-Gesamtzeiten (Md 4:20 ± 1:01 vs. 4:40 ± 1:37 Minuten, p = 0.17). Besonders relevant für den militärischen Bereich war die signifikant bessere Erkennung nichtrettbarer Fälle (SK IV/V: 77 % vs. 56 % korrekte Triage, p = 0.04), was in Kampfsituationen mit hohem Anteil an Schwerstverletzten entscheidend sein kann. Bei unmittelbar lebensbedrohlichen Verletzungen (SK I) lag die Trefferquote der Interventionsgruppe bei 92.6% (vs. 91.5 %, p = 0.13), während sich für dringliche Fälle (SK II) eine signifikant höhere Genauigkeit zeigte (89.2 % vs. 80.9%, p < 0.01). Die Interventionsgruppe zeigte vergleichbare Sichtungszeiten für kritische Fälle (Kategorie I/rot) gegenüber der Kontrollgruppe (44 ± 24 s vs. 47 ± 27 s; p = 0,56) ohne statistisch signifikanten Unterschied. Alle gemessenen Triagezeiten, sowohl in der Interventionsgruppe (20 ± 26) als auch in der Kontrollgruppe (23 ± 26 s), blieben deutlich unter den allgemein angestrebten 60 Sekunden pro Triage, auch wenn lebensrettende Sofortmaßnahmen durchgeführt wurden. Laut subjektiver
Einschätzung, fühlten sich die Teilnehmenden der Interventionsgruppe etwas handlungssicherer als die Teilnehmenden der Kontrollgruppe. Insgesamt wurde die eigene Triage-Performance besser eingeschätzt, je höher das eigene Kompetenzerleben und die Selbstwirksamkeit waren. Zudem gaben 91 % der Interventionsgruppe an, dass ihnen der STRESS-Demonstrator in der Vorbereitung geholfen und ihre Live-Performance in der Großübung positiv unterstützt hat.
Die vorliegende Studie belegt, dass Triagetraining mittels Serious Gaming herkömmlichen Methoden nicht unterlegen ist und insbesondere die Identifikation der schwereren Verletzungs- muster zuverlässig erlernt wird. Das Erkennen der kritisch Kranken (SK I, rot) ist eine elementare Fähigkeit im Rettungsdienst, wobei MANV-Lagen besonders hohe psychische und organisatorische Anforderungen stellen. Limitationen umfassen die verhältnismäßig kleine Stichprobe und ein mögliches hohes Durchschnittsniveau durch Selbstselektion der Probanden. Künftige Studien sollten den Fokus auf repetitive Trainingswirkungen und im Sinne des dual use – Ansatzes den Transfer in militärische Einsatzszenarien legen.
Digitale Trainingsmethoden wie STRESS können die Einsatzvorbereitung für ziviles und militärisches Rettungspersonal effektiv unterstützen, insbesondere durch die realitätsnahe Simulation von Stressoren und standardisierten Entscheidungsprozessen. Für Rettungsdienstes wie für den Sanitätsdienst der Bundeswehr könnten sich damit neue Möglichkeiten zur kosteneffizienten und skalierbaren Aus- und Weiterbildung entwickeln.
