SvStud: Skalierbare verhaltensökonomische Maßnahmen zur Sicherung des Studienerfolgs
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Abstract
Viele Studierende verlassen die Hochschulen ohne Abschluss oder studieren deutlich länger als es die Regelstudienzeit vorsieht. Aber nicht nur der mangelnde Studienerfolg stellt ein Problem dar. Ebenso kritisch ist es, wenn Studierende ihre Abbruchentscheidung hinauszögern und dadurch wertvolle Zeit verlieren, die sie für alternative Ausbildungswege nutzen könnten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die COVID-19-Pandemie dieses Verhalten verstärkt haben könnte.
Obwohl ein Studienabbruch oder ein längeres Studium rationale Gründe haben können, resultieren sie häufig aus unzureichenden Informationen oder begrenzt rationalem Entscheidungsverhalten. Dasselbe gilt für aufgeschobene Studienabbrüche. Vor diesem Hintergrund betrachtet SvStud zwei zentrale Aspekte: Prokrastination und fehlende Informationen. Mithilfe leicht umsetzbarer und skalierbarer verhaltensökonomischer Maßnahmen zielt das Projekt darauf ab, Prokrastination zu reduzieren, (soziale) Informationen hervorzuheben und somit den Studienerfolg zu erhöhen, Studienabbrüche zu verringern oder deren Hinauszögern zu vermeiden.
In drei Teilprojekten (TP) wurden die folgenden Maßnahmen entwickelt, implementiert und evaluiert. i-a) Teilprojekt 1A (TP 1A) untersuchte, ob die Zusammensetzung der Gruppen während der Einführungstage den Studienerfolg beeinflusst. Durch die alphabetische Einteilung der Studierenden nach Nachnamen lässt sich analysieren, wie die Fähigkeiten und Eigenschaften der Gruppenmitglieder den Studienerfolg beeinflussten. i-b) in TP 1B erhielten Studierende Zugang zu einem Online-Lerntagebuch, in dem sie ihre Lernzeit dokumentieren und zukünftige Ziele festlegen konnten. Ergänzend wurde einem Teil der Studierenden die Möglichkeit gegeben, eine Selbstbindungsvereinbarung zu unterzeichnen, um die Einhaltung ihrer Ziele zu fördern. ii) Das zweite TP stellte Informationen zu den (zeitlichen) Kosten des Studiums bereit. ii-a) In TP 2A wurde den Studierenden vermittelt, dass jedes Semester, das über die Regelstudienzeit hinausgeht, Opportunitätskosten in Form entgangener Löhne verursacht. ii-b) Im zweiten Teil (TP 2B) erhielten die Studierenden Informationen über die wöchentliche Studierzeit ihnen ähnlicher Kommiliton:innen, ihre bereits in das Studium investierte (versunkene) Zeit sowie die noch benötigte Lernzeit pro Semester bis zum Abschluss. Ziel war es, Studierende zu motivieren und positive Effekte auf den Studienerfolg zu erzielen. iii) Das dritte Teilprojekt TP 3 baute auf den Ergebnissen des Vorgängerprojekts VStud auf, das zeigte, dass relatives Leistungsfeedback den Studienerfolg verbessern kann. Um insbesondere leistungsschwächere Studierende zu unterstützen, wurde das Feedback in diesem Projekt um motivierende normative Hinweise ergänzt. Aufgrund der Pandemie erfolgt in diesem TP zudem ein Vergleich des Studienverlaufs mit früheren nicht von der Pandemie betroffenen Studienkohorten.
Abgesehen von den alphabetischen Gruppeneinteilungen während der Einführungstage, die ein quasi-randomisiertes Design darstellen, wurden alle Maßnahmen durch randomisierte Feldexperimente evaluiert. Diese gelten als Goldstandard zur Identifikation kausaler Effekte und ermöglichten somit die Gewinnung belastbarer und verallgemeinerbarer Erkenntnisse.
SvStud führte zu folgenden Erkenntnissen: i-a) Die Gruppenzusammensetzung bezüglich der Fähigkeiten der Studierenden während der Einführungstage hat einen signifikanten Einfluss auf den Studienerfolg. Eine Verbesserung der durchschnittlichen Schulabschlussnote der Gruppenmitglieder um eine Standardabweichung führte zu 2,6 zusätzlichen Leistungspunkten nach vier Semestern. Zudem stieg die Wahrscheinlichkeit, am Ende des ersten Studienjahres noch eingeschrieben zu sein, mit der durchschnittlichen Fähigkeit der Gruppenmitglieder. Die Prokrastinationstendenzen der "Peers" haben keinen signifikanten Einfluss auf die Leistungen der Gruppenmitglieder. i-b) Die Nutzung des Lerntagebuchs zeigte positive Effekte auf die Studienleistungen, allerdings nur bei Studierenden, die zusätzlich eine Selbstbindungsvereinbarung unterzeichneten. Diese Studierenden erreichten mehr Leistungspunkte und verbesserten ihren Notendurchschnitt. ii-a) Die Bereitstellung von Informationen zu den Opportunitätskosten eines verlängerten Studiums erhöhte die Abbruchrate nach dem ersten Semester um 2,8 Prozentpunkte. Weitere Analysen zeigten, dass dieser Effekt hauptsächlich von Studierenden getrieben wurde, die ohnehin bis zum dritten Semester abgebrochen hätten. Der frühzeitige Abbruch wirkte daher einem verzögerten Studienabbruch entgegen. ii.b) Informationen über die Studierzeiten von Kommiliton:innen, die selbst bereits investierte oder bis zum Abschluss noch benötigte Studierzeit hatten keinen bildungspolitisch relevanten Einfluss auf den Studienerfolg. iii) Das relative Leistungsfeedback führte dazu, dass Studierende, die vor der Intervention bezüglich ihrer Leistungspunkte unter dem Durchschnitt lagen, nach dem "Treatment" weniger Leistungspunkte erreichten und häufiger abbrachen. Verglichen mit Kohorten, die vor der Pandemie studierten, zeigte sich, dass die Abbruchraten in den "Treatment-Gruppen" ähnlich hoch waren wie vor der Pandemie. Dies deutet darauf hin, dass das relative Leistungsfeedback dazu beigetragen haben könnte, aufgeschobene Studienabbrüche zu vermeiden.
Zusammenfassend zeigt das SvStud-Projekt, dass verhaltensökonomische Interventionen heterogene Effekte aufweisen. So wirkt beispielsweise das Lern-Journal nur, wenn zusätzlich ein freiwilliger Selbstbindungsmechanismus angeboten wird. Andere Maßnahmen, wie etwa relatives Feedback, zeigen vor allem bei schwächeren Studierenden Effekte und schließlich gibt es Maßnahmen, wie z. B. Informationen zu den zeitlichen Investitionen von Kommilitonen in das Studium, die die Leistungen nicht beeinflussen. Dies unterstreicht die Bedeutung einer strikten Evaluierung durch randomisierte Feldexperimente, um zu bestimmen, welche Maßnahmen tatsächlich effektiv sind und welche nicht. Nur durch eine solche sorgfältige Evaluation können wir die Interventionen identifizieren und zum Einsatz bringen, die tatsächlich zur Verbesserung der Studienergebnisse beitragen.
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Many students leave university without completing their degree or take longer than the prescribed study period. However, the lack of academic success is not the only issue. Equally concerning is when students delay their decision to drop out, losing valuable time that could be spent pursuing alternative educational or career paths. Our research indicates that the COVID-19 pandemic may have exacerbated this behavior.
Although a dropout or extended study period may have rational reasons, they are often the result of incomplete information or bounded rationality. The same holds true for delayed dropout decisions. Against this backdrop, SvStud focuses on two central aspects: procrastination and incomplete information. By using simple and scalable behavioral interventions, the project aims to reduce procrastination and make (social) information more salient in order to enhance academic success, reduce dropout rates, and prevent delays in dropout decisions.
In three subprojects (SP), the following measures were developed, implemented, and evaluated: i-a) Subproject 1A (SP 1A) exam-ined whether the composition of groups during a freshman onboarding program influences academic success. By assigning students alphabetically based on their last names, the study analyzes how the abilities and characteristics of peers affect academic perfor-mance. i-b) In SP 1B, students had access to an online learning journal where they documented their study time and set future goals. Additionally, some students were offered the opportunity to sign a commitment contract to help them adhere to their goals. ii) The second subproject provided information about the time and effort students could invest in their studies. ii-a) In SP 2A, students were informed that every semester beyond the standard degree time incurs opportunity costs in the form of foregone wages. ii-a) In SP 2B, students received information about the weekly study time of similar peers, the sunk time costs they have already invested in their studies and the average study time per semester required to complete their degree. The goal was to motivate students and achieve positive effects on academic success. iii) The third subproject built on findings from the predecessor project VStud, which showed that relative performance feedback could improve academic success. To better support weaker students, this feedback was now supplemented with motivating normative messages. In this subproject, we also compared students' progress during the pandemic with that of earlier cohorts who were not affected by COVID-19.
With the exception of the group assignment in the onboarding sessions, which used a quasi-randomized design, all interventions were evaluated through randomized controlled trials (RCTs), which is the gold standard for identifying causal effects. This ensured that the findings were robust and generalizable.
The findings of the project are as follows: i-a) The composition of groups regarding abilities during the onboarding program significantly impacts academic success. A one standard deviation increase in the average school-leaving grade of peers led to an addi-tional 2.6 credits earned after four semesters. Additionally, the likelihood of remaining enrolled at the end of the first year increased with the average ability of peers. The procrastination tendencies of peers have no significant impact on the performance of the group members. i-b) The use of the learning journal had positive effects on academic performance, but only for students who also signed the commitment contract. These students earned more credits and improved their GPA. ii-a) Providing information about the oppor-tunity costs of studying beyond the duration prescribed by the university increased the dropout rate after the first semester by 2.8 percentage points. Further analysis revealed that this effect was mainly driven by students who would have dropped out by the third semester anyway. The early dropout thus prevented delayed dropout. ii-b) Information about the study times of peers, the time already invested in their studies, or still required to complete the degree had no significant impact on academic success. iii) Relative performance feedback led to lower academic performance and higher dropout rates among students who were below average in credit points before the intervention. However, compared to cohorts that studied before the pandemic, the dropout rates in the treatment groups were found to be similar to those before the pandemic. This suggest that the relative performance feedback may have contributed to preventing delayed dropouts.
In summary, the SvStud project shows that behavioral economic interventions have heterogeneous effects. For example, the learning journal only works if accompanied by a voluntary self-commitment mechanism. Other measures, such as relative feed-back, show effects primarily for weaker students, while some, like information on the time invested by fellow students in their stud-ies, do not influence performance. This underlines the importance of rigorous evaluation through randomized field experiments to determine which measures are actually effective and which are not. Only through such careful evaluation can we identify and implement the interventions that actually contribute to improving student outcomes.
